ANWERPENER TAGEBUCH (2)

Das Leistungsspektrum der Suporn Clinic ist bereits beachtlich. Stichworte: 

  • Pionierhaftes, exzellentes Können des Operateurs – – WELTWEITER GOLDSTANDARD – – 
  • Guter Service gehobene Hotellerie 
  • Dienstleistungs Intensive Nachsorge. 

Ich dachte, die Suporn Clinic ist kaum zu toppen. 

Seit Dienstag weiss ich, dass die Suporn Liga zu toppen.ist. Es gibt eine Liga darüber.

Wie kömmt’s? 

In einem nahezu 15 jährigen Marathon haben das Team um Dr. Bart van de Ven und Dr. Ellen Defrancq ein wahres Kleinod geschaffen, die 2pass Clinic in Antwerpen. 

Diese Klinik stellt alle Gender Kliniken Europas in den Schatten, was das  medizinische Angebot anbetrifft. Gesichtsfeminisierung, die sich konsequent an definierten Outcomes orientiert, eine Riesendokumentation von über 2500 erfolgreichen FFS-Fällen. Ich habe diese Dokumentation selbst eingesehen und als alte klinische “Häsin” war ich über die Datentiefe und -vielfalt verblüfft. Es beschämt einen fast, wenn man die fehlenden Fallsammlungen Schweizer Gender Kliniken entgegenhält. 

Ärmlich und erbärmlich. 

Das zweite große Highlight sind die Intensiv-Nadel-Epilationen. An vier aufeinanderfolgenden Tagen wird mit ausgeklügelten High-Tech-Maschinen dem Bart ratz fatz zu Leibe gerückt. 

Bodycontouring, Brustaufbau, Haartransplantation u. A. Goodies für Frauen mit neuronalen Varianten der Geschlechtsentwicklung runden das vielfältige Angebot ab. 

Ok, Spitzenkliniken gibt es einige. Nun kommt das grosse ABER: Ähnlich wie bei bei Suporn stehen Schwestern für die persönliche Nachsorge bereit, die sich um uns liebevoll kümmern – auch und gerade nachts. 

Leute, ihr könnt nicht ermessen, was das Wert ist, wenn Ihr es nicht am eigenen Leibe gespürt habt. Toll, wir werden gehegt und gepflegt. Das tut unseren, durch ein kaltherzige, transphobe Medizin, geschundenen Seelen doch mal so richtig gut.
Es gelingt den Anwerpenern tatsächlich, eine warmherzige, gute Atmosphäre entstehen zu lassen und zu bewahren. 2 Pass steht für Familie –im besten Sinne des Wortes.

Hypermodern (und konform mit den allerneuesten WHO-LEITLINIEN) ist die Peer Betreuung in 2 Pass. Stichwort:Clinical Peers. Man ist nicht nur BESTREBT, Gesundheitspersonal mit trans Hintergrund bevorzugt einzustellen, sondern neben den Schwestern kümmert sich auch Petra, eine Frau mit ehemals transsexuellem Hintergrund, ganz liebevoll um die Patientinnen. Sie kommt aus dem Dienstleistungsbereich und weiss immer, wo der Schuh drückt. Goethe hätte Petra eine schöne Seele genannt. Sie ist Hähnin im Korb — alle lieben Petra.

Anmerkung: Die Autorin steht in keinerlei Bindung oder Geschäftsbeziehung zur 2pass Clinic. Der Artikel entstand nur aufgrund ihrer freien Willensentscheidung, die Autorin ist frei von Interessenskonflikten. 

Geschlechtsangleichende Gesichtsoperationen – anrüchig?

Im Zuge meiner Beschäftigung mit gesichtsfeminisierenden Operationen stosse ich immer wieder auf seltsame Positionen. Derzeit schreiben wir für das Joanna Briggs Institut eine Übersichtsarbeit über die klinischen Studien, die es zum Thema FFS gibt. Zusammengefasst: Es gibt nicht viele und zudem nur schlechte Forschung auf diesem Gebiet. FFS ist offensichtlich genauso ein Stiefkind der geschlechtsmedizinischen Wissenschaft wie HRT, SRS, Epilation usw.

Ok, Transsexualität mit knackharten geschlechtlichen Körperdiskrepanzen, bei der man operieren muss, ist relativ selten. Da hilft es auch nichts, wenn unsere famosen Trans*vereine „Trans*“ gleich mal zum identitätsschwangeren Massenphänomen erheben und verzweifelt versuchen mit solchen All-inclusive-Definitionen um gnädige Beachtung zu betteln.

Es wird wohl so sein: Menschen, die unter der Kernproblematik einer massiven geschlechtlichen Körperdiskrepanz leiden, welche Operationen erfordern, sind eher selten. Verglichen mit Cross Dressern und anderen sog. „Trans* Menschen“.

Menschen, die unter ihren geschlechtlichen Gesichtsdiskrepanzen entsetzlich leiden, sind noch seltener …

Dementsprechend ist die Zahl der internationalen Zentren, in denen operative geschlechtliche Gesichtsangleichung (Gesichtsfeminsierung/FFS und -maskulinisierung/FMS) angeboten wird, überschaubar. Damit meine ich nicht die Ritter aus dem Bereich der plastischen Chirurgie, die ihre Gesichtsverschönerungsaktionen als „Feminisierung“ verkaufen. Sondern Zentren mit weltweitem Zulauf, in denen man geschlechtsangleichend den Schädelknochen zu Leibe rückt. Derlei ist eine hohe Kunst, man braucht einige Jahre einschlägige Spezialisierung als Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg, um eine gute Kinnplastik, Stirnrekonstruktion (Typ III und IV) und gut sitzende/geformte Knochenimplantate hinzubekommen.

Da es eine Minigruppe ist, die derartige Operationen benötigt, hat sie auch keine grosse Lobby. Krankenkassen versuchen in ihrem neoliberalen Sparwahn Anträge auf Kostenübernahme gleich mal abzuschmettern. Die Vertrauensärzte haben meist von der medizinischen Thematik der FFS und FMS Null Ahnung, verwechseln das mit Schönheitsoperationen oder finden das Gesicht auf dem Ausweisfoto eh „nicht entstellend“. So geschehen vor wenigen Tagen: Die Patientin hatte präoperativ so ein richtiges männliches Frankensteingesicht, unter dem sie herzzerreissend litt. Dieses Gesicht befand der Vertrauensarzt der Helsana (Schweizer Krankenkasse) als „durchaus weiblich“ und lehnte knackhart die Kostenübernahme ab. Sie unterzog sich einer FFS-Operation bei Dr. van der Dussen, der sie aus ihrem Gesichts-KZ erlöste.
Die Helsana scheint in diesem Fall erbarmungslos und die Äusserungen des Vertrauensarztes wirken absolut zynisch. Da könnte ja jede kommen. Derzeit steuern wir in Richtung Bundesgericht/Strassburg. Denn das Königsargument war natürlich: Das könnte man auch in der Schweiz operieren lassen. Und somit gilt der heilige Schweizer Heimatschutz. Bloss kein Geld für medizinische Behandlungen im AUSLAND verplempern. Die Fränkli, Schwyzerdüütsch „Stutz“, sollen schön in der Schweiz bleiben. Umgekehrt hat niemand was dagegen, wenn Superreiche ihr Geld hinter den Schweizer Heimatwall schaffen. Das unterliegt dann auch dem Heimatschutz.

Ausserdem: UNSERE ÄRZTE KÖNNEN ALLES. Das glauben der Schweizer Bundesrat (= Regierung), der Nationalrat und der Ständerat (= Schweizer Parlament), die Krankenkassen, das Bundesamt für Gesundheit in Bern, die Schweizer Psychologen, die sich auf „Trans* menschen“ spezialisiert haben und natürlich die Schweizer plastischen Chirurgen (siehe oben).

Das Problem ist: Wie schlimm Menschen unter geschlechtlichen Gesichtsdiskrepanzen leiden können, ist in einer Dschungel-Camp-orientierten Medienlandschaft kein Thema. Auch bei Ärzten nicht. Hausärzte bis hin zu Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen haben meist keinerlei Kenntnisse über diese Operationen. Absolutes Minderheitenprogramm. Über die plastisch-chirurgischen Gelegenheitsfeminisierer (ein bisschen Gesichtsstraffung und Lidstraffung, gern auch Fetteinspritzung und fertig ist die „Feminisierung“ des Gesichts) siehe oben. Ein ärztlicher Kollege, dem ich über FFS erzählte, meinte: „Was es nicht alles gibt!!“
Jo.

Merke: Nicht die Umwelt ist verrückt, sondern die Menschen mit Gesichtsdiskrepanzen. Und diese gewissenlosen FFS-Chirurgen „im Ausland“, die um des Business willen fast jeden Wunsch erfüllen. So eine EMMA-lesende ärztliche Kollegin mir gegenüber. Vorher hatte sie sich über junge Mädchen echauffiert, die ihre Frauenrolle nicht akzeptieren und in die Männerrolle flüchten. Es würde „mit dem Trans-Getue“ immer „schlimmer“. Das sei „doch alles“ eine zeitgeistige Modeerscheinung.

Innerhalb der „Trans“-Community, also den Netzwerken der „Betroffenen“ geben die Psychologisierer den Ton an. „Trans-menschen“, so nennen sie sich, haben vor allem ein psychisches „Geschlechts-Identitätsproblem“, kein körperliches. Denn: Man erkennt das biologische Geschlecht immer an der Genitalien. Ganz einfach. Und davon würde die psychische Geschlechtsidentität ( „Transindentität“) abweichen. Ganz kompliziert.

Die medizinische Kompetenz mancher Trans-Selbsthilfe-Vereine und -gruppen ist erbärmlich. Die medizinischen Aspekte der körperlichen Geschlechtsangleichung interessieren nur am Rande. Alles Psycho oder was?

Ein*e Queer-Aktivist*in, die sich lautstark als „nicht-binär“ plakatierte, meinte mir gegenüber reichlich unverhohlen : „Ah, warum lassen sich Betroffene unbedingt ihr Gesicht verstümmeln? Sie sollen zu sich stehen. Man sollte sichvom binären patriarchalischen Geschlechts-Diktat nicht verunsichern lassen. Wir haben alle unser Päckli …

Es gibt noch viel zu diskutieren. „Packen“ wir es an …

„Gender dysphoria“ und „Gender inkongruenz“

Zwei unwissenschaftliche Begriffe

Das Problem nahezu aller sexologisch-psychiatrischen Studien ist ihre Unwissenschaftlichkeit. Die Populationen (also die Gruppen von Patienten, die man “be”forscht) sind ungenau, diffus, völlig willkürlich definiert, die Studiendesigns schlecht und primitiv, in den Forschungsprojekten werden kaum Kontrollgruppen bzw. (im Falle einer Kohortenstudie) Kontrollexpositionen als Vergleich herangezogen, Publikationsbias aufgrund ideologischer Voreingenommenheit sind die Regel usw.

Zusammengefasst: Pseudoforschung mit Hokuspokus-Ergebnissen auf Horoskop-Niveau.

Besonders zeigt sich dies dann bei der Erarbeitung von Grundbegriffen. Die grundlegenden diagnostischen Kategorien, mit denen die sexologischen Psychiater und Psychologen operieren, sind nichtssagende banale Allerweltbegriffe ohne jede seriöse Studiengrundlage.

Dies trifft vor allem auf die Kernbegriffe der Sexualpsychiater und -psychologen zu, nämlich “Gender Dysphoria” und “Gender Inkongruenz”.

Gender Dysphoria: „Geschlechtsrolllen-Verstimmung“ – – was soll das sein? Eine Art gelegentlich auftretende Verkaterung der Stimmung durch eine unstimmige Geschlechtsrolle?

Gender Inkongruenz: Unstimmigkeit in der Geschlechtsrolle?
Ich kann mir zwar vorstellen, wie man ein Klavier stimmt und wie sich ein ungestimmtes Klavier anhört, aber wie eine Geschlechtsrolle gestimmt sein oder werden soll, keine Ahnung.

Schaut man sich die wenigen Papers an, die versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen, dann stösst man auf weitere Allerwelts-Nebelbegriffe wie Geschlechtsidentität und Feststellung des biologischen Geschlechts durch Genitalbeschau.

Gute Fragebogeninstrumente gibt es natürlich auch nicht.

Erste Konsequenz dieses Begriffs-Hokuspokus: Aufgrund unwissenschaftlicher Grundbegriffe wie „Gender Dysphoria“ und „Gender Inkongruenz“ ist gute Forschung auch sehr schwierig zu bewerkstelligen.

Ich finde es erstaunlich, dass niemand nachfragt, was genau diese Gender-Missstimmungen und missgestimmten Geschlechtsrollen beinhalten. Geheimnisumwittert.

Zweite Konsequenz: Wegen dieser wertlosen Nonsense-Bezeichnungen braucht man dann „Gutachter“, die es auch nicht wissen, aber gegen gutes Geld so etwas wie „Gender-Trübsal“ oder Unbehagen an der zugewiesenen Geschlechtsrolle bescheinigen.

Aber es gibt eine Lösung aus dem Dilemma.

In der Fachstelle verfassen wir genaue Beschreibungen / Schilderungen, worunter der Patient bzw. die Patientin leidet. Und zwar in den Worten der Patienten. Damit können wir die pauschalen oberflächlichen Beschreibungen der herkömmlichen Sexualpsychiatrie ergänzen, so dass sich z.B. der Vertrauensarzt der Krankenkasse ein realistisches und plastisches Bild über das Leiden der Patienten machen kann.

Ich bringe ein Beispiel:

Patientin Frau XY leidet massiv unter ihren geschlechtlichen Diskrepanzen im Gesicht, sprich ihrem Männergesicht.
Üblicherweise würde ein Psychologe/Psychiater der Krankenkasse schreiben:

„Frau XY spürt eine Inkongruenz zwischen ihrem Körper , insbesondere dem männlichen Gesicht und ihrer Geschlechtsidentiät. Sie ist der Überzeugung, dass das Gesicht ihrem Passing als Frau abträglich ist. Sie ist der Auffassung, dass ihr Wunsch dem Gegengeschlecht anzugehören , sich mit den männlichen Gesichtsmerkmalen nicht verwirklichen lässt.“

So weit so schlecht. Natürlich kann der Vertrauenarzt angesichts derart klischeehafter „Beschreibungen“ kaum nachvollziehen, warum die Patientin jetzt operiert und eine sehr teure gesichtsfeminisierende Operation im Ausland (in diesem Fall in Antwerpen/Belgien) vorgenommen werden muss.

Wird im Bericht an die Krankenkasse hingegen ganz genau auf das erlebte Leiden der Patientin eingegeangen, dann wird die Notwendig keit einer Gesichtsoperation schlüssig nachvollziehbar.

Ein Beispiel:

Adamsapfel

Mein Adamsapfel sticht heraus. Es heißt, dieser sei bei Männern zu sehen, weil sie von der verbotenen Frucht des Baums der Erkenntnis probiert hätten. Ich habe nichts von der Frucht probiert, aber erkenne auch ohne diese je gekostet zu haben, dass ich gezeichnet werde als etwas, was ich nicht bin und nie war. Er begleitet mich bei jedem Schluck. Ist immer im Weg. Wie ein Fels trotzt er allen weiblichen Aspekten. Ich nehme ihn wahr wie einen Pickel, der direkt unmissverständlich auf der Nase sitzt. Wartet man, geht der Pickel weg! Mein Mal bleibt. Ich trage meist ein Tuch um den Hals. Das tue ich auch, wenn es draußen 33 Grad sind.“

Stirn

Die hohe Stirn und die gorillaartigen Vorsprünge über den Augen sind nicht weniger markant als der Kehlkopf. Mir wurde immer und immer wieder als Christian gesagt, wie gut ich aussehe. Ist es der goldene Schnitt zwischen all den Erhebungen, die einen echten Mann ausmachen? DIE machen in ihrer Erscheinung einen echten Mann aus! Ich bin kein Mann.

Wie passt das? Mit dieser Diskrepanz laufe ich seit meiner Pubertät durch die Welt. Ich kann den Umstand nicht verdecken. Wie ich es mit meinem Adamsapfel tue. Das Dreidimensionale ist auch hier wieder Thema. Diese Makel durchbrechen das Glatte und das Weiche, was die Hormone haben entstehen lassen.

Kinn

Mein Kinn ist in den letzten 20 Jahren breiter geworden. Das wäre auch die Jahre als Cis-Frau passiert. Doch ist bei mir die Ausgangslage unter dem Testosteron und die lange Zeit, ich bin jetzt 43 Jahre alt, leider nicht so einfach rückgängig zu machen. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich dieses riesige Kinn. Es steht da und wartet vergebens. Es wartet vergebens darauf, ein Teil eines Männergesichts zu sein.

Augenbrauen

Ich zupfe meine Brauen, damit sie feine weibliche Formen bekommen. Leider kann mich das nicht über den festen Überaugenwulst hinwegtrösten, der wie bei einem Primaten oder Urmenschen mein Gesicht entstellt. Diese stabilisierende Verdickung durchbricht meine weich gezupften Augenbrauen. Wie ein Elefant, der sich hinter einem viel zu dünnen Grashalm zu verstecken versucht.

Lippen

Meine Lippen sind so tief wie die Sonne an einem Herbstnachmittag. Ich sehe, wenn ich mich wieder auf diesen goldenen Schnitt beziehe, dass die Position dieser Lippen viel zu niedrig im Gesicht und unausgeprägt sind. Keine Frau auf dieser Welt hat solche Lippen, geschweige an dieser Stelle. Und kein Mann würde selbst die, rot gemalt, küssen wollen. Sie sind ein schmales Nichts, welches im unteren Bereich durch das Kinn und im oberen Bereich durch die Augenvorsprünge und seitlich durch die eckig, kantigen, Kiefer eines Typen begrenzt werden.

Kiefer

Mein Kiefer ist so kantig wie ein ungehobeltes Brett. Der Gegensatz von kantig ist doch rund, oder? Das ist eben nicht das, was die Menschen sehen, wenn sie mich anschauen. Sie sehen mit weiblichen Pölsterchen bedeckte Ecken und Kanten, die bei jedem Biss noch kräftiger hervorstehen als sie es ohnehin schon tun. Der Kiefer durchdringt immer die zarte Oberfläche. Der Kiefer passt nicht zu dem recht femininen Körper. Wenn ich von hinten gesehen werde, gehe ich vermutlich als Frau durch. Sobald ich mich umdrehe, fällt das Bild in Millisekundenschnelle. Auch hier nutze ich meinen ständigen Begleiter, meinen Schal.

Fazit

Ich war letztens auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Ich wusste, die meisten sind unbekannte Menschen für mich. Ich hatte ziemlich Angst davor, auf diese Party zu gehen, weil mir bewusst war, dass viele nicht Tanja sehen – sondern Christian. Ich habe mir überlegt, wie ich dem Ganzen entgehen könnte. Eine Möglichkeit war kurzfristig, sehr kurzfristig: ich stand mit dem Auto schon auf dem Parkplatz der Lokalität und wollte absagen. Dabei ging mir durch den Kopf, was jetzt die Alternative zu einem festlichen Abend ist, an dem ich vielleicht ungewollt eine Hauptrolle einnehme. Durch die kalte Stadt laufen? Ich hatte definitiv die falsche Jacke dabei. Ein Kindermädchen war schon engagiert zu Hause. Die Kinder waren versorgt und ich hätte nicht wieder nach Hause gehen können. Die andere Möglichkeit war, auf die Party zu gehen und das Gesicht zu verlieren. Das ist es doch. Das ist eigentlich das, was ich möchte! Zumindest vom alleinigen Inhalt her, nicht von der Bedeutung, wie es umgangssprachlich gebraucht wird. Ich möchte nicht gedemütigt werden. Nicht angestarrt als etwas Außergewöhnliches. Nicht als Exot. Ich möchte erkannt werden. Erkannt als Frau und nicht als Typ, der verkleidet ist. Ich möchte in der Masse Frau sein. Nicht wie ein schräger Vogel oder eine Dragqueen auf einer Feier ausgelassener Betrunkener. Das Gesicht verlieren. Damit könnte ich mich arrangieren. Es ist nicht meines. Etwas, was mir nicht gehört, kann ich verlieren, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Es gehört nicht zu mir. Es entstellt mich. Macht mich zu etwas, was nicht ich bin. All die männlichen Attribute, die das Testosteron über die Jahre ausgebildet hat. Es passt nicht zu meinem Inneren. Wie das Gesicht eines Fremden.

Die persönlichen und sozialen Auswirkungen dieses geschlechtlichen Gesichtsdilemmas sind fatal/verhängnisvoll.

Ich bin eine Frau. Leider passiert es mir immer wieder, dass die Menschen mir gegenüber einen Mann sehen. Sie sind freundlich. Wirken aber irritiert. Schauen ein, zwei, dreimal nach…, ob sie sehen, was sie sehen. Die Blicke fahren hoch von den Füßen angefangen über die Knie, Beine, Bauch, Brust und Enden starrend auf dem Gesicht – „Das Gesicht verlieren“. Auch sie kennen die Situation … es ist wie ein abscannen an der Supermarktkasse, wenn die Kassiererin die Ware zwei-, dreimal über das Glasfeld ziehen muss, weil der wichtige Pieps nicht kommt. Dieser würde die Ware registrieren. Manchmal scheint die Ware nicht in der Datenbank vorhanden zu sein. Es kommt kein Pieps. So oft wie das Produkt auch über den Scanner gezogen wird. Die Kassiererin muss die Ware per Zahlencode eingeben und genau schauen, dass sie sich nicht vertippt. Die Kasse weiß erst dann, was aus dem Haus geht und was in Rechnung gestellt werden soll. Ich fühle mich in einer solchen Situation dann auch etwas wie ein Produkt, das in der Datenbank des Menschen fehlt. Der Pieps oder der Blick registriert bei dem Menschen gegenüber auch etwas. Wenn er denn überhaupt kommt?!

Das falsche Geschlecht. Oder Gedanken, sie hätten einen Menschen vor sich, der offensichtlich ein Problem hat. Ich passe nicht in die bestehenden Schubladen. Irgendwie vom Äußeren nicht binär. Nicht Eins, nicht Null. Weder Fisch noch Fleisch. Ich gehöre nicht dazu. Das macht es mir täglich schwer, selbstbewusst und stolz unterwegs zu sein. Es ist immer wieder wie ein Schlag ins Gesicht. Wo wir wieder beim Thema wären. Das Gesicht verlieren. Ich bin nicht mit den gängigen Mustern der Mitmenschen konform. Die sehen manchmal einen Mann, der aber behauptet, eine Frau zu sein. Wer hat nun Recht? Wer entscheidet über diesen Umstand? Mich blockieren diese Situationen. Meine Stimme fängt an, zu beben, und die Leichtigkeit ist beschwert – wie einbetoniert. Ich werde geerdet von etwas, was ich nicht abschütteln kann. Etwas, das ich nicht ändern kann. Nicht durch meine Stimme, meine Kleidung, meinen Schal, meine Schminke, mein Auftreten, mein ICH. Ich bin manchmal hoffnungslos. In einer Sackgasse, aus der ich nicht herauskomme. Nicht aus eigener Kraft.“

Durch diese sehr ausführliche Schilderung wird viel transparenter und nachvollziehbarer, warum die gesichtsfemisierende Operation für Überleben der Patientin entscheidend ist.

Es gibt also gangbare Pfade abseits der unwissenschaftlichen sexualpsychiatrischen Klischees, die im versicherungsmedizinischen Alltag weiter helfen.

IV-Stelle Luzern: Wenn der Amtsschimmel wiehert

Liebe Leserin
Lieber Leser

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sind mit einem weiblichen Gehirn auf die Welt gekommen, aber die Natur hat Ihnen unpassend dazu einen durch und durch männlichen Körper beschert. Da das Gehirn immer nur im Hintergrund arbeitet (still und unauffällig), sind Sie erst im Alter von 25 Jahren darauf gekommen, was genau mit Ihnen los ist.

Klar, Sie haben schon als Kind Empfindungen eines Mädchens gehabt und die männlichen Attribute Ihres Körpers kamen Ihnen seltsam fremd vor. Inzwischen wissen Sie , dass Ihr diffuses Leiden „am Leben“ auch auf diesen geschlechtlichen Zwiespalt zurückzuführen ist.

Was tun?

Für solche Probleme hat die Medizin eine Lösung parat: Da man das Gehirn nicht austauschen kann, bleibt nichts anders übrig, als den Körper geschlechtlich dem Gehirn anzupassen. Durch Einnahme weiblicher Hormone und durch verschiedene Operationen kann die Medizin den Körper verweiblichen. Die Praxis zeigt, dass nach einer Reihe verweiblichender medizinischer Massnahmen die Betroffenen ihren Frieden finden, glücklich und zufrieden werden.
Denn: Nach der Angleichung passen Gehirn und Körper geschlechtlich endlich zueinander.

Nun zu unserem Fall. Carina (Name geändert), 25 Jahre alt, hat begonnen, ihren Körper verweiblichen zu lassen. Sie nimmt verweiblichende Hormone. Eine Verweiblichung des Gesichts erfolgte im medizinischen Wunderland Belgien (dort gibt es Spitzenchirurgen wie Dr. van de Ven und Dr. van der Dussen, die sich auf Gesichtsverweiblichungen spezialisiert haben).
Jetzt bereitet sie die Angleichung ihrer Genitalien vor: Sie hat sich dazu die beiden weltbesten Operateure ausgesucht: Dr. Suporn und Dr. Banks in Thailand. Die Geschlechtschirurgen in der Schweiz , so befürchtet Carina, können ihr nicht helfen. Ihre Operationstechniken sind hoffnungslos veraltet. Ausserdem operieren sie viel zu selten. Entsprechende monströse Horrorgeschichten von Patientinnen, die sich in der Schweiz unters Messer gelegt haben, machen unter Betroffenen die Runde.

Carina leidet massiv unter ihrer männlichen Kopfbehaarung. Ungewöhnlich für eine 25-jährige: Sie hat eine markante Halbglatze. Also muss eine Perücke her.

Für Perücken ist in der Schweiz nicht die Krankenkasse zuständig, sondern die Invalidenversicherung.
An sich kein Problem: IV-Stellen wie Zürich, Aarau usw. verfügen nach Antragstellung den jährlichen Perücken-Zuschuss von 1500 Franken mindestens für 5 Jahre oder sogar „lebenslänglich“ (z.B. SVA Zürich).
Denn der gesunde Menschenverstand sagt: Eine Glatze bleibt eine Glatze.

Ja, nur Carina hat Pech. Sie wohnt im urkatholischen Kanton Luzern und da ist die IV-Stelle Luzern zuständig.
Ansich gilt Luzern als eine beim Thema Transsexualität aufgeschlossene IV-Stelle.

Nicht so in diesem Fall.
Carina bekam den Perückenzuschuss für ganze 15 Monate genehmigt. Danach ist ein neuer Antrag zu stellen.
Carina hat sich das durchgerechnet: Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von knapp 83 Jahren sind noch 38 Anträge zu stellen.
Völlig unverständlich, denn im ärztlichen Gutachten steht klar, dass sich am Befund nichts mehr ändern wird. Ohne Perücke sieht Carina wie Theo Kojak alias Telly Savalas aus.
„Entzückend.“

„Wem Gott gab ein Amt, dem gab er auch Verstand.“
Ein im Volk weit verbreitetes Vorurteil.

Wir werden weiter berichten.