DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR HEALTH CONSUMER ETHICS (DGHCE)

Evidenzbasierte Medizin erfordert den Einbezug medizinethischer Gesichtspunkte.
Hierzu ein paar Beispiele, erläutert anhand von  Problemen medizinischer Interventionen für transsexuelle Menschen:

  1.  Wie sollte der Patient/Klient bei der Behandlung mitbestimmen? Hier geht es um Patientenpartizipation. Transition: Es geht um den Geschlechtskörper des Pat. Also sollte er bestimmen, was passiert? Jeder/jede hat das Recht auf die Verfügbarkeit seines/ihres Körpers. Gilt das auch bei TS/TG? Sollte aus ethischen Gründen (Patientenzentriertheit) nicht der Geschlechtskörper das zentrale Thema bei der Transition sein? Wie sollen Outcomes beurteilt werden, wenn Health Consumer nicht ihre Bedürfnisse/Werte als Masstab einbringen.
  2. Wie wird das Prinzip "Niemals dem Pat. schaden" optimal umgesetzt? Beispiel Transition: Es gibt keine Evidenz ( = medizinischer Beleg, sprich gute Studien) für die Wirksamkeit von Androcur (bezügl. Feminisierung, Verbesserung des Befindens). Sehr wohl aber ernstzunehmende Hinweise auf die Schädlichkeit. Darf eine solche Substanz überhaupt verabreicht werden? Ist das nicht ethisch bedenklich?
  3. Wie weit reicht die Verpflichtung des Arztes, fürsorglich FÜR den Patienten zu entscheiden? Transition: Beispiel Therapeut antwortet auf die Frage, wann es endlich die Hormonfreigabe durch den Psycho gibt: "Sie brauchen das gar nicht mehr zu fragen, ICH sage Ihnen, wann Sie so weit sind". Ist das Fürsorge oder Bevormundung? Ist diese patriarchalische Haltung überhaupt mit moderner evidenzbasierter Medizin vereinbar?
  4. Wie lässt sich das Prinzip der Gerechtigkeit bei der Behandlung optimieren? Beispiel Transition: Hier gibt es erhebliche Ungerechtigkeiten. Inwieweit fliesst so etwas wirklich als Gesichtspunkt bei der Guidelineentwicklung mit ein?.

Gerade im Bereich der medizinischen Versorgung transsexueller Health Consumer dominieren Partikularinteressen. Wie schon weiter oben erwähnt: Der wissenschaftliche medizinische Diskurs rund um das Thema Transsexualität wird nachwievor von sexualpsychiatrischen und -psychologischen „Experten“ dominiert. Eine wirkliche hochwertige, evidenzbasierte medizinische Forschung findet nicht statt. Die Versorgung enthält erhebliche Anteile eines „Transgender-Business“. Nach wie vor ist die wissenschaftliche Faktenlage dünn. Daher muss die Forschung endlich in evidenzbasierte Fahrwasser gelangen. Dabei ist entscheidend, in wessen Interesse geforscht wird. Wer ist der Souverän, welche Werte zählen bei Entscheidungen medizinischer Art? Hier prallen die Interessen und Werte von z.B. „Transgender“-Business-People und die Interessen transsexueller Gesundheitskonsumenten / bzw. unkorrumpierbaren Engagierten aus den Netzwerken der evidenzbasierten Medizin aufeinander. Es geht um grundlegende ethische Fragen wie z.B.:

  •     Fürsorge kontra Selbstbestimmung?
  •     Störungsfokussierung/Pathologisierung kontra Gesundheitsorientierung?
  •     Transgender“-Geschäfte- und Profitmacherei kontra Gerechtigkeit?

Insbesondere die GRADE-Working-Group wie auch die Cochrane-Collaboration haben klar herausgearbeitet, dass evidenzbasierte Medizin sich nur ohne Korruption entfalten kann. Nicht die Interessen der Geschäftsleute (bis hin zur Pharmaindustrie) dürfen das Gesundheitssystem dominieren, sondern die Gesundheitskonsumenten und eine kritische, aufgeklärte Öffentlichkeit oder wie man im angloamerikanischen Raum sagt, die Health Consumers und „The Public“.
Diese Sichtweise erfordert einen Paradigmenwechsel hin zu Health-Consumer-Ethics. Es bedarf vor allem wissenschaftlicher Fachgesellschaften, die diesen Diskurs vorantreiben und dem geschäftigen Treiben der Transgender-Business-People etwas entgegensetzen. Daher wurde in enger zusammenarbeit mit der trans-evidence-Working-Group die deutsche Gesellschaft für Health-Consumer-Ethics mit Sitz am Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt gegründet. Präsident dieser Fachgesellschaft ist Herr Dr. Gerhard Schreiber. Themenschwerpunkt des fachgesellschaftlichen Engagements für Health-Consumer-Ethics sollen zunächst Intersexualität und „Trans“sexualität sein. In diesem Zusammenhang werden von der Fachgesellschaft mehrere Projekte unterstützt, unter anderem die Erstellung des systematischen Reviews in Kooperation mit der Universität Oxford, die Entwicklung von HRT-Guidelines mittels des GRADE-Systems und ein Wiki-Projekt zum Thema „Evidenzbasierte medizinische Interventionen und Health Care bzw. Health Promotion bei Transsexualität“. Die Fachgesellschaft plant mit Organisationen der „Trans“community und Intersexuellen-Bewegung zusammen zu arbeiten, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Sie sucht um Kooperation und Unterstützung von ForscherInnen sowie der evangelischen Landeskirchen: Vorstandsmitglieder arbeiten in kirchlichen Fachgruppen zur „Trans“thematik mit (seit einem Jahr z.B. im entsprechenden Arbeitskreis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, EKHN).

Ziel ist die Bereicherung des evidenzbasierten medizinischen Transdiskurses um Aspekte der Gesundheitskonsumenten-Ethik.

 

 

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