NEUROFEEDBACK & HEALTH INNOVATION LAB

Vor 45 Jahren hat ein junger Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Los Angeles, Barry Sterman, seine Arbeit mit Katzen publiziert, in der er zeigte, dass man das EEG von Katzen nachhaltig verändern kann, indem man die Tiere für das Auftreten bestimmter EEG-Muster belohnt. Auch konnte er zeigen, dass sich das Verhalten der Katzen nach einem solchen Training veränderte. 

Erst ein Zufall hat aber diesem „Neurofeedback“ zu Aufmerksamkeit verholfen: Ein paar Jahre später stellte sich in Experimenten in der Epilepsieforschung heraus, dass genau die Katzen, die vorher in den Neurofeedback-Experimenten verwendet wurden, deutlich resistenter gegen die epilepsieauslösenden Substanzen waren. Bei Versuchen mit Epilepsiepatienten konnte dann nachgewiesen werden, dass mit Neurofeedback die Anfallshäufigkeit und -stärke reduziert werden konnte. 

Nach der Publikation dieser Erkenntnisse 1972 begannen viele, mit Neurofeedback zu experimentieren. Schnell zeigte sich, dass es bei einer Vielzahl von medizinischen Problemen aber auch zum „Umschalten des Gehirns in Richtung Gelassenheit bei gleichzeitiger Leistungssteigerung“ gezielt und erfolgreich eingesetzt werden kann. Die somit unvermeidbare Darstellung des Neurofeedbacks als Allheilmittel hat die Mediziner von Anfang an die Ernsthaftigkeit des Ansatzes zweifeln lassen. Ein weiterer Grund, warum Neurofeedback fast vierzig Jahre in der Alternativ- Ecke verblieb, mag sein, dass Therapeuten, Wissenschaftler und Techniker sich jeweils im Alleingang mit dem Thema auseinandergesetzt und die selbstentwickelten Verfahren als die alleinig richtigen dargestellt haben. Der übermässige Gebrauch des Wortes „wissenschaftlich“ hat sein Übriges getan.
Diese Skepsis verstärkte sich, weil rund um das EEG zusätzlich noch in den letzten Jahren viele pseudowissenschaftliche Richtungen entstanden, wie z. B. die Verfahren rund um qEEG-Brainmaps und Datenbanken, welche die Versprechungen mit Blick auf die statistische Signifikanz nicht halten können. Ebenso entbehren die meisten Behauptungen aus der Welt der Brain-Computer-Interfaces, welche die Steuerung von Rollstühlen, Maschinen oder gar Flugzeugen erlauben sollen, jeder informationstheoretischen Grundlage. 

Wirklich vorangebracht wurde Neurofeedback mehr im Stillen. So hat der gebürtige Österreicher Niels Birbaumer  an der Universität Tübingen über mehr als drei Jahrzehnte richtungsweisende Neurofeedbackverfahren untersucht. Die Studien dieser Gruppe gelten als die Besten weltweit, wenn sie auch von vielen, insbesondere US-amerikanische Gruppen, welche oft einen Alleinstellungsanspruch hinsichtlich der Wirksamkeit einiger nicht ausreichend belegter Methoden propagieren, ignoriert werden. Das Bestreben der Birbaumer-Crew war stets, Kliniken konsequent einzubinden und die technische Entwicklung voranzutreiben, sodass über die Jahre sehr wirksame Neurofeedback-Verfahren entwickelt werden konnten.

Eine andere Gruppe von Neurofeedback-Forschern, nämlich Siegfried und Susan Othmer, hat Anfang der achtziger Jahre auf die enge Zusammenarbeit zwischen Therapeuten, Wissenschaftlern und Technikern gesetzt. Diese Gruppe hat ihre Wurzeln nicht weit von dem Ort in Kalifornien, wo auch die Katzenexperimente durchgeführt wurden. In dieser Arbeitsgruppe stand immer ein qualitativer Forschungsansatz mit minutiösen klinischen Einzelfallanalysen im Mittelpunkt, wobei sich die Othmers – ähnlich wie der Begründer der Neuropsychologie, Alexander Lurija – auf die Analyse von Symptomveränderungen fokussierten. Durch diese qualitativen Einzelfallanalysen konnten dann Hypothesen für Modelle für die Wechselwirkung zwischen Gehirn und Neurofeedback-System erstellt wurden, genauer gesagt Wechselwirkungsprofile. Auf dieser Basis wurde wiederum die Technik weiterentwickelt, die dann auf klinische Wirksamkeit hin validiert wurde. So entstanden auch hier hochwirksame, in der Praxis einsetzbare Verfahren und Werkzeuge.

Beide Forschergruppen nutzen nicht nur die klassischen schnellen EEG-Frequenzen, sondern auch langsame kortikale Potenziale (SCPs/HD-ILF), welche dank moderner driftarmer Elektronik und Elektroden nun auch für den breiten Einsatz in Kliniken, Praxen und Beratungsstellen geeignet sind. 
Im Rahmen der Modellierung der Interaktion zwischen Gehirn und Neurofeedback-System zeigte sich, dass die ursprüngliche Hypothese, das Neurofeedback eine operante Konditionierung sei (also – vereinfacht gesagt – über Belohnung funktioniert), durch das Autoregulationsmodell eines sich selbst organisierenden plastischen Netzwerks ergänzt werden muss. Dadurch wurde erstmals klar, warum Neurofeedback bei so vielen unterschiedlichen Indikationen hilft: Es verbessert die Selbstregulierungsfähigkeit des zentralen Nervensystems. In der Folge verändern sich alle Symptome, weil die Symptombewältigung verbessert wird. Mit anderen Worten: Durch Neurofeedback werden die Gesundheitspotenziale aktiviert, hingegen werden Symptome selbst nicht direkt reduziert. Ein Patient wird durch verbesserte Selbstregulierungsfähigkeit oft überhaupt erst therapierbar. Basiert ein Verfahren auf dieser Hypothese, stellen sich deutlich spürbare Veränderungen der Symptomatik spontan und schnell, oft in der ersten Neurofeedback- Sitzung, ein.
Obwohl die Studienlage zur Evidenz des Neurofeedback-Outcomes in den letzten Jahren besser geworden ist, bleibt bezüglich Primär und Sekundärforschung noch viel zu tun. Hierbei sind sowohl weitere randomisierte, prospektive Gruppenvergleichsstudien erforderlich, aber auch qualitative-quantitative, Mixed-Methods-Studies, um den subjektiven Erlebenshintergrund der Neurofeedback-Autoregulation noch besser zu erfassen. 

Der Nutzen von Neurofeedback für transsexuelle Menschen besteht darin, dass NFB im Rahmen der Transition helfen kann, gelassener und gleichzeitig aktiver zu werden, um die Widrigkeiten und Schwierigkeiten bei der Transition, die vielen frustranen Erlebnisse besser zu bewältigen. NFB vermag durch die positive Umstimmung insbesondere die Embodimentprozesse in Richtung Hirngeschlecht positiv zu modulieren. Im Rahmen dieses trans-evidence-Innovation-Labs geht es darum, die bisherigen Erfahrungen mit Neurofeedback bei Transitionsprozessen in guidelinegerechten Case Reports (s. EQUATOR CARE)  zu dokumentieren und durch weitere qualitative Studien die Outcomes zu untersuchen.

 

 

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