EVIDENZBASIERTE MEDIZIN

Jeder transsexuelle Mensch muss derzeit von seinem Therapeuten die „Diagnose“ Genderdysphorie oder Transsexualismus erhalten, um endlich die ersehnten medizinischen  Maßnahmen in Anspruch nehmen zu dürfen, die ihm ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Er wird also erst einmal als psychisch krank/gestört deklariert.
Diagnosen kennen Sie natürlich auch aus anderen medizinischen Fachgebieten: z.B. Asthma bronchiale, Diabetes mellitus, Myokardinfarkt usw. Nur: diese Diagnosen stehen auf wissenschaftlich seriösen Füssen, sind also wissenschaftlich ausgedrückt evidenzbasiert.

Was bedeutet das? Ein Beispiel: Kein Arzt kann einfach aus dem Bauch heraus Asthma diagnostizieren. Asthma ist als Krankheit genau definiert, es gibt ein Fülle von Studien zur Asthmadiagnostik. Und jeder Arzt kann und sollte nur auf diesen Studienergebnissen aufbauend die Asthma-Diagnose stellen. Es gibt also so eine Art TÜV für die medizinsche Diagnostik. Und diesen TÜV nennt man evidenzbasierte Medizin.

Evidenzbasierte Medizin ist ein ganz eigenes wissenschaftliches Spezialgebiet. Evidenzmediziner überprüfen Diagnose- und Therapiemethoden dahingehend, ob sie wissenschaftlich begründet sind, schauen sich vorrangig an, wie gut diese oder jene medizinische Vorgehensweisen durch Studien abgesichert sind. Gibt es genug gute Studien, die belegen, dass eine Diagnosemethode brauchbar ist, dann spricht man von einer evidenzbasierten Diagnose. Oder anders gesagt: Belegen Studien eindeutig und sauber, das ein bestimmtes Medikament wirksam ist, dann spricht man von einer evidenzbasierten medikamentösen Therapie. Evidenzbasierung ist also ein wissenschaftlich abgesichertes medizinisches Gütesiegel.

Genauer (Zitat): 

Unter Evidenz-basierter Medizin ("evidence based medicine") oder evidenzbasierter Praxis ("evidence based practice") im engeren Sinne versteht man eine Vorgehensweise des medizinischen Handelns, individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten (Studien) zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Studien nach klar definierten Gesichtspunkten; die Bewertung der Grösse des beobachteten Effekts sowie die Anwendung dieser Evidenz auf den konkreten Patienten mit Hilfe der klinischen Erfahrung und der Vorstellungen der Patienten.

Ein verwandter Begriff ist die Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung („Evidence-Based Health Care – EbHC“), bei der die Prinzipien der EbM auf alle Gesundheitsberufe und alle Bereiche der Gesundheitsversorgung, einschließlich Entscheidungen zur Steuerung des Gesundheitssystems, angewandt werden.

Die Praxis der EbM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung.

Die Umsetzung erfolgt in einem mehrstufigen Prozess:

  • Ableitung einer relevanten, beantwortbaren Frage aus dem klinischen Fall
  • Planung und Durchführung einer Recherche der klinischen Literatur
  • Kritische Bewertung der recherchierten Literatur (Evidenz) bezüglich Validität / Brauchbarkeit
  • Anwendung der ausgewählten und bewerteten Evidenz beim individuellen Fall
  • Bewertung der eigenen Leistung.

Was hat das mit Transsexualität zu tun? Alle psychischen Störungs-Diagnosen, die transsexuelle Menschen verpasst bekommen, erfüllen noch nicht einmal die einfachsten Anforderungen von evidenzbasierter Medizin. Bisher kam keine transsexualitätsbezogene Diagnose, sei es Geschlechtsidentitätsstörung, Transsexualismus oder die Genderdysphorie, unbeschadet durch den Medizin-TÜV. Hauptkritik: Diese Diagnosen psychischer Störungen sind nicht durch hochwertige Studien abgesichert. Das bedeutet: Es gibt keine klaren, abgesicherten Kriterien, nach denen diese Diagnosen gestellt werden. Transsexualitäts-Diagnostik ist demnach ein absolut willkürliches Geschäft. Dabei ist es bedrückend, dass aufgrund der Diagnosen Operationen zugesprochen werden oder auch nicht.

Die Schwierigkeit bei Transsexualität fundierte Diagnosen zustande zu bringen, kommt nicht von ungefähr. Diagnostiziert werden in der Regel nämlich Krankheiten. Dazu muss eine Krankheit vorliegen. Unter dem Begriff Krankheit wird im weitesten Sinne eine Funktionsstörungen eines Organs, der Psyche oder des gesamten Organismus verstanden. Bei transsexuellen Menschen (per se!) sind aber keine Funktionen gestört, weder körperliche noch psychische Funktionen. Der Körper, die Organe und die Psyche von transsexuellen Menschen sind allesamt intakt.

Wenig besser sieht es bei den Interventionen für transsexuelle Menschen aus. So wird beispielsweise die zum Standard gehörende Hormonersatztherapie von den wenigsten Ärzten auf Grundlage evidenzbasierter Erkenntnisse durchgeführt. In der Regel bestimmen Bauchgefühl sowie Versuch und Irrtum das Vorgehen. Viele transsexuelle Menschen, die sich dem nicht einfach ausliefern wollen, arbeiten sich selbst in die entsprechenden Grundlagen ein und versuchen mit Hilfe von Vernetzung und Erfahrungsaustausch diesen Mangel zu beheben.

Die trans-evidence Working Group hat nicht zuletzt deshalb die evidenzbasierte Medizin in den Fokus ihrer Arbeit gestellt, um zur Beseitigung dieser Missstände beizutragen.

 

 

 

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