QUALITATIVE EVIDENZ

Zahlen sind etwas ganz Eigenes. Manchen gelten sie als das Mass aller Dinge, weil das Messen, Wiegen und Zählen Realismus, Klarheit, und Praktisches verspricht. 
So auch in Forschung. Hier zählen handfeste Ergebnisse, der „Outcome“ einer Therapie muss messbar sein. Es wird Bilanz gezogen. 

Inzwischen hat man auch in den Humanwissenschaften erkannt: Messen/Zählen/Wiegen ist nicht alles. Denn bei allen Messkünsten steht immer die Frage im Raum, was zu messen ist. Das Uraltbeispiel „Die Anzahl der Storchennester korreliert mit der Geburtenrate“ zeigt vor allem eins: Es ist sinnvoll, sich über Grundlegendes klar zu werden, bevor die Messlatte angelegt wird. 
In der Neurowissenschaft wird dieser Weg teilweise seit langem gegangen. Man erinnere sich nur an die Arbeiten von Kurt Goldstein und Adhemar Gelb im Frankfurt der 1920er Jahre, an das bahnbrechende Projekt einer „Romantischen Wissenschaft“ des Begründers der Neuropsychologie, Alexander Luria, an die Fallgeschichten von Oliver Sacks oder an die Pionierforschung zur Neuropsychologie der Wahrnehmung von Vilayanur Ramachandran mit ihren Kasuistiken. 

Qualitative Forschung und Qualitatives Denken sind ebenfalls etwas ganz Eigenes. Sie standen und stehen immer an der Wiege zur neuen medizinischen Erkenntnissen, vor allem, wenn es darum geht, medizinische Phänomene erst einmal grundsätzlich zu verstehen bzw. gundlegend zu bestimmen. 

Die evidenzbasierte Medizin, speziell Cochrane, nimmt sich einigen Jahren verstärkt des Themas „Qualitative Evidenz“ an und versucht auch in diesem „bunten Feld“ der Suche nach dem Individuellen, Besonderen für etwas mehr Nachvollziehbarkeit und Evidenz zu sorgen. 

Das Wesen qualitativer Forschungsansätze sei am Beispiel einer Psychotherapiestudie genauer erklärt. Will ich in einer Studie wissen, welches Therapieverfahren das wirksamste ist, dann ist eine statistische Studie sicher die Methode der Wahl. Ich kann unbefangen ein Experiment veranstalten, wo ich die beiden Therapieverfahren unter fairen Bedingungen gegeneinander antreten lasse. Am Ende zähle ich, welches Verfahren mehr Patienten geheilt hat. Dazu benötige ich eine grössere Anzahl von Patienten (in beiden Gruppen), um zufallsbedingte Verzerrungen auszuschliessen. Die Vorgehensweise hat den Vorteil, dass sie sehr zuverlässig ist: Jeder, der so vorgeht, kommt zum gleichen Ergebnis. Das Ganze steuert eher darauf hin, einfach Fakten in die Hand zu bekommen, sprich eine Erfolgsquote. Dabei interessieren die einzelnen Teilnehmer als „Datenlieferanten“, um die Erfolgsquote zu bestimmen. Etwas herzlos, diese Methoden, aber objektiv. 

Interessiere ich mich dafür, was genau ein Therapieverfahren bewirkt, wie es von Patienten erlebt wird, was „im Inneren“ während der Therapie abläuft, dann bietet die Qualitative Herangehensweise Vorteile. Ich werde die Patienten bitten, während der Therapie ein Tagebuch zu führen, ich werde sie so interviewen, dass sie mir möglichst viele Erlebnisse erzählen können. Am wichtigsten werden ihre Schilderungen sein. Am Ende, wenn alles verschriftlicht wurde, werde ich mir die Dokumente genau anschauen und versuchen Muster zu analysieren. Und einen Katalog aufzustellen, der alle wesentlichen Erlebnismuster erfasst. Bei diesen Methoden ist der Vorteil, dass sie einen tiefen Einblick geben. Die Therapiewirkung wird spürbar und miterlebbar, menschlich nachvollziehbar. Die Teilnehmer werden in ihrer ganz persönlichen Sicht wahrgenommen, zwischen Forscher und interviewten Patienten findet echter Austausch satt, man begegnet einander auf der persönlichen Ebene. Methoden mit Herz, aber sehr subjektiv. 

Am Beispiel Transsexualität: Ich will wissen, wie transsexuelle Menschen subjektiv die Fremdheit ihres Geschlechtskörpers erleben. In diesem Fall werde ich nach Studienteilnehmerinnen suchen, die an der Fremdheit ihres männlichen Geschlechtskörpers verzweifeln („Transfrauen“), aber auch Teilnehmer mit dem gegenteiligen Problem („Transmänner“). Ich werde nach Menschen Ausschau halten, die sich operieren lassen wollen und solchen, die sich bereits operieren liessen. Vielleicht auch Individuen, die zahlreiche Operationen an ihrem Körper ertragen haben. Ich werde Teilnehmer_innen suchen, die eine Operation grundsätzlich ablehnen. Mit anderen Worten: Ich versuche wesentliche, typische Vertreter in die Studie zu bekommen, um möglichst viele Besonderheiten zu erfassen und zu typisieren. Ich suche also nicht nach dem Durchschnitt, sondern nach dem Wesentlichen. Ich suche quasi „Verzerrungen“ vom Durchschnitt, bildlich gesprochen ziele ich auf die Abweichungen.

Qualitative Forschung verfährt offen und ehrlich, aber nie „neutral“.
Wenn im Labor Ratten durch Labyrinthe gehetzt werden, um die motorische Geschwindigkeit unter Medikamenteneinfluss zu erfassen, spielt es keine wesentliche Rolle, ob ich politisch konservativ oder progressiv eingestellt bin. Auf die Versuchsergebnisse hat dies wenig Einfluss. Hauptsache, ich habe keine Rattenphobie.
Bei qualitativen Studien ist das nicht ganz so einfach. Um bei unserem Forschungsbeispiel mit transsexuellen Menschen zu bleiben: Für den Interviewerfolg ist es wesentlich, ob die transsexuellen Menschen, die ich interviewe, das Gefühl haben, dass ich ihnen gegenüber positiv eingestellt bin. Da sie mitunter sehr viel Diskriminierung erleben mussten, sind sie gegenüber Wissenschaftlern eventuell kritisch eingestellt und daher „hellhörig“. Selbst die vermeintliche „Neutralität“ des Interviewers kann hier zu „Missverständnissen“ führen. Es ist also sinnvoll sich darüber im Klaren zu sein, wer man ist, was man will bzw. wo man steht und dies auch klar zu sagen. Mit anderen Worten: Bei qualitativen Studien muss der eigene Background offen gelegt werden, damit für Dritte (z.B. Reviewer) transparent, nachvollziehbar und abschätzbar wird, welchen Einfluss dies auf den Forschungsprozess hatte. Qualitative Forschung ist explizit nicht neutral, objektiv oder unparteiisch, aber ehrlich.

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von gut operationalisierten qualitativen Untersuchungsmethoden, die ein relativ systematisches Arbeiten und nachvollziehbare Ergebnisse ermöglichen. Hier (beispielhaft) eine Präsentation:
Für diese Art von Forschung und Studien gibt es eigene Reviews, nämlich Reviews zur „qualitativen Evidenz“ (nicht zu verwechseln mit der Evidenzqualität im GRADE-System). Es gibt inzwischen auch Tools für diese Art von Studien und Reviews.

 

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