GESUNDHEITSBEZOGENE OUTCOMES – SALUTOGENESE

Die wichtigsten Outcomes  für Health Consumers, also transsexuelle Menschen, die ihren Körper geschlechtlichen angleichen werden, sind jene Endpunkte, die mit Gesundheit in Beziehung stehen.

Um zu verstehen, worum es dabei geht, zunächst eine eindrückliche Schilderung der positiven, gesunden Seiten des Transitionsprozesses (C. Kunert):

„Es ist eine sehr schöne Erfahrung, mitzuerleben, wie ein Mensch nach einer langen Zeit der Schuldgefühle, der Beängstigung und des inneren Ringens sich seinem tieferen Erleben zu öffnen beginnt, der Prozess des Werdens voranschreitet und er Lebensfreude gewinnt … Das Besondere in der Arbeit mit transsexuellen Menschen ist dabei, dass die im Laufe des psychotherapeutischen Prozesses wachsende Kongruenz, was Speierer (1994) als „Kongruenzdynamik" bezeichnet, besonders ab dem Zeitpunkt zunimmt, an dem sich die transsexuelle Person eingesteht, tatsächlich transsexuell zu sein und diese Tatsache als bedeutsamen Teil ihres Lebens anerkennt. Es wird in der Regel als eine Zäsur und große Befreiung erlebt, wenn die Person sich ihrer konstitutionellen Inkongruenz bewusst wird und ihr Vorhandensein korrekt im Gewahrsein symbolisiert. Anstelle der Angst tritt nach und nach ein neuer Lebensmut, was umso mehr erstaunt, als sich die äußeren Bedingungen in dieser Zeit oft drastisch verschlechtern. Ich erinnere mich an einen Endokrinologen, der meinte, die transsexuelle Frau, die ihn aufgesucht habe, sei wohl manisch, und er ließ sich erst nach erfolgter psychiatrischer Differentialdiagnose davon überzeugen, dass die positive Gestimmtheit kein Krankheitszeichen, sondern im Gegenteil eine Freude über den Zuwachs an innerer Lebendigkeit war. 
Bemerkenswert ist, dass dies manchmal zu einem Zeitpunkt geschieht, der noch vor dem Outing hegt, wenn die (überraschten oder schockierten) Reaktionen der relevanten Bezugspersonen auf eine so ungewöhnliche Eröffnung meist noch aversiv sind und die „äußere" Bedrohung durch gravierende Verlusterlebnisse noch besteht …  ist ab diesem Zeitpunkt der inneren Zustimmung zu der empfundenen Identität eine deutliche Veränderung im gesamten Lebenstonus spürbar. Diese Tatsache zeigt in besonders eindrucksvoller Weise die Bedeutung der bedingungslosen positiven Selbstbeachtung für die Entwicklung eines „organismischen Bewertungsprozesses" als Grundlage für die Verhaltensregulierung. Er tritt an die Stelle eines Bewertungskomplexes, der im Laufe der inneren und äußeren Auseinandersetzung mit dem eigenen Anders- sein und der Umwelt erworben wurde (Rogers). Die Erfahrung eines radikalen situativen Sich-Annehmens in der real gegebenen Befindlichkeit hat eine revolutionäre Wirkung, weil die mäandernden Verläufe der Aktualisierungstendenz sich jetzt wieder zu einem kräftigen Fluss vereinigen können. Erst ab diesem Zeitpunkt kann man wieder von einem authentischen Leben sprechen, weil jetzt die Erfahrung wertvollen Selbst-Seins nach und nach an die Stelle eines (von sich selbst und anderen) abgelehnten Andersseins tritt.“ (Zitat)  


Es zeigt sich, dass Transitionsprozesse die Gesundheitspotenziale der Transitionierenden freisetzen, also salutogenetisch wirken, transsexuelle Menschen realisieren nicht nur ihr neuronales Geschlecht (neuro-intersexuelle Sicht, zentrales Nervensystem als zentraler Geschlechtskörper), sondern kommen auch zu sich selbst (Gesundheitssicht).
Freilich ist dieses Gesundheitsverständnis ein anderes, als das eng mit Krankheits- und Defizit-/Störungsmodellen assoziierte. 
Traditionelle Auffassungen von Gesundheit~Krankheit beschreiben beide in proportionalem Verhältnis:

  • je weniger krank ein Individuum ist, desto gesünder ist es
  • je kränker ein Individuum ist, desto weniger gesund ist es.

Dahinter steht die Vorstellung, Gesundheit~Krankheit seien auf einer Kontinuum-Skala angeordnet („je mehr von dem einen, desto weniger von dem anderen!“). Das bekannteste derartige Modell stammt von Antonowsky. 
Sinnvoller ist hier die Anwendung eines zweidimensionalen Modells: Hier werden Gesundheit und Krankheit als zwei relativ von einander unabhängige Dimensionen verstanden, d.h. ein Individuum kann in gleichem Ausmass und zugleich krank und gesund sein. Vier typische Konstellationen sind so unterscheidbar:

  • ein Individuum kann zugleich sehr krank und sehr gesund sein (z.B. kann es an Multipler Sklerose leiden, querschnittgelähmt sein und trotzdem ein zufriedenes, erfülltes, glückliches Leben führen, sein Leben erfolgreich meistern und bewältigen)
  • es kann weder gesund noch krank sein (z.B. ständig freudlos, aber auch nicht krank)
  • es kann sehr gesund sein und etwas krank (z.B. Unpässlichkeiten wie leichter Schnupfen bei sonst blendender Gesundheit)
  • es kann sehr krank sein und wenig gesund (z.B. chronifizierte schwergradige Dauerdepression).

Dieses Modell führt zu einer Reihe bedeutsamer Konsequenzen und zu veränderten Sichtweisen. Es fokussiert die Bedeutung von Ressourcen: Indem ich Gesundheitsfaktoren, Gesundheitsbewusstsein und -handeln als relativ eigengewichtig gegenüber dem Krankheitszustand begreife, kommt dem (gesunden) Bewältigungshandeln eine besondere Rolle zu. Gesundheit ist nicht weiter an Krankheit „gekettet“ (wie beim Kontinuum-Modell), sondern wird zum eigenständigen Gesundheitspotenzial. Gesundheit und Krankheit determinieren zwar einander – Gesundheitspotenziale, Gesundheitsbwusstsein und -handeln werden jedoch zum Movens und Agens. Gesundheit wird zur eigenen Qualität und ist nicht mehr blosses Resultat des „Weniger an Krankheit“. Diese Denkweise hat in vielen Gebieten der Medizin zu einer Neuorientierung am Gesundheitsparadigma geführt: Unabhängig von bestehenden oder auch nicht bestehenden, diagnostizierbaren oder auch nicht definierten bzw. definierbaren „Krankheiten“ ist Gesundheit per se individuell erfassbar, beschreibbar und förderbar.

Damit wird Transsexualität als einer neurointersexuellen Normvariante Gegenstand von Gesundheitsförderung und Gesundheitswissenschaften. Diese Sichtweise markiert einen Neubeginn und besitzt paradigmatische (Kuhn) Qualität. 
Damit werden die medizinischen Wissenschaften beim Thema Transsexualität nicht eliminiert, sondern neu verortet: Es bedarf bei transsexuellen Menschen medizinischer Interventionen, um Leid zu vermindern. Da Gesundheit und Krankheit nicht eng assoziiert sind (s.o.), bedeutet die Verminderung des Leids nicht automatisch die Entfaltung von Gesundheitspotenzialen, zumal unter transfeindlichen, transphoben gesellschaftlichen Bedingungen. Insofern ergibt sich die doppelte Aufgabe, sowohl medizinische Interventionen als auch gesundheitsförderliche Beratung und Casemanagement anzubieten. Die gesundheitsfokussierte Förderung von Ressourcen führt zur einer Erhöhung der Wirksamkeit medizinischer Interventionen.
Diese Entwicklung hat bereits begonnen, das Thema TransHealth gerät gesellschaftlich zunehmend in den Fokus. Hier sind vor allem primär ressorcenorientierte Beratungs- und Casemanagementkonzepte zu favorisieren.
Dies ist vor allem bei der Definition der Endpunkte, also der Outcomes, wichtig. Beispiel Hormontherapie: Wichtig werden Feminisierung/Maskulinisierung des Geschlechtskörpers (wegen der dadurch  freigesetzten Kongruenzdynamik), Lebensqualität und sexuelle Befriedigung/Zufriedenheit. Diese gesundheitsbezogenen Positiva sind der Intentionskern jeder Transition, dies ist bei der Konzeption von Studien, dem Erstellen von systematischen Reviews und der Guideline-Entwicklung  unbedingt zu berücksichtigen.
 

 

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