SYSTEMATISCHE REVIEWS

Bei einem Reviewprojekt versucht man, alle empirischen Daten/Fakten zusammen zu tragen. Und zwar alle Fakten, die zu einer bestimmten Fragestellung passen. Aufgrund der Fragestellung werden Auswahlkriterien formuliert, welche Fakten/Studien überhaupt für die Überprüfung herangezogen werden sollen.

Beispiel: Fragestellung ist … 

„Hilft bei Transsexualität der Alltagstest, die Diagnose abzusichern, so dass möglichst wenig Transitionierende später sagen, sie hätten sich bezüglich ihrer Transsexualität 'geirrt' und wollten nunwieder zurück in das bei Geburt zugewiesene Geschlecht ('Regretting-Problem')?

Welche Studien wird man jetzt heranziehen? Zunächst einmal Studien, die belegen, was der Alltagstest bewirkt. Bzw, ob er überhaupt etwas im Sinne dieser Fragestellung bewirkt? Möglicherweise auch Studien, wo Lebensläufe von "Bereuenden" untersucht werden. Oder Studien, die das Ausmass (Häufigkeit) des "Regretting"-Phänomens untersuchen. Man würde also eine ganze Liste von Auswahl-Kriterien aufstellen, mit deren Hilfe man nach Studien fischt.

Dabei wird meist nach guten Studien Ausschau gehalten, die wirklich aussagekräftig sind. Beispielsweise würde man persönlich gefärbte pointierte Stellungnahme von konservativen Geistlichen, die lediglich ihre Meinung äussern und von "Sünde wider die Natur" sprechen oder die Bibel zitieren, natürlich nicht heranziehen. "Erfahrungsberichte" von "Therapeuten", die vom Eifer besessen sind, transsexuelle Menschen zu einem gottgefälligen, "normalen" Leben zu bekehren ("reparative Therapie") und diese zur "Rückkehr" auffordern, kommen als Belege ebenso wenig infrage. Gefragt sind ausschliesslich Studien, die an die Fragestellung objektiv herangehen. Oder in der Sprache von Cochrane: Man sollte Verzerrungen (englisch "Bias") möglichst vermeiden. Aufgrund der Essenz, die sich aus den objektiven, gut gemachten Studien ergibt, sollen schliesslich vernünftige medizinische Entscheidungen möglich sein, die dem medizinischen Wissensstand ("State of the Art") entsprechen. Damit nicht weiter vorurteilsbeladen im Mediziner-Alltag herumgedoktert wird.

An diesem Beispiel erkennt man ganz gut: Die Auswahl der Studien erfolgt nach strengen Kriterien, schlechte Studien werden gnadenlos aussortiert. Es werden nur Beurteilungsmethoden eingesetzt, die garantieren, dass jeder die Ergebnisse nachvollziehen kann. Willkürliche Interpretationen "aus dem Bauch heraus" gehen gar nicht (à la "Ich habe bei dieser Studie ein ganz komisches Gefühl, weiss aber nicht warum!"). Ebenso sollten alle objektiv relevanten Studien herausgesucht werden, Rosinen picken ist verpönt ("Ich akzeptiere nur die Studien, die meiner Erfahrung entsprechen. Also keine Studien von irgendwelchen weltfremden. Schliesslich weiss ich ja aufgrund meiner Jahrzehnte langen Erfahrung, worum es wirklich geht! Ich bin schliesslich der Experte!"). Natürlich muss sich die Objektivität im Bericht schliesslich widerspiegeln. Es sind wissenschaftliche, nüchterne Prüfberichte und keine journalistischen Pamphlete, die in der Cochrane Library unter den strengen Augen der Review-Group veröffentlicht werden.

 

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